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Von Gerd Waloszek, SAP User Experience, SAP AG – 11. November 2002
In diesem Artikel möchte ich einen Weg aufzeigen, wie man zu innovativen Software-Produkten gelangen kann. Die viel zitierte Kreativität, so meine These, entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern auf dem Nährboden menschlicher Tätigkeiten und Bedürfnisse.
An SAP's Enjoy Initiative für R/3 schloss sich die Initiative der Easy Web Transactions (EWTs) an, die heute besser als Internet Applications Components (IACs) bekannt sind. Ziel dieser Initiative war es, einige hundert neuer, einfacher Web-Anwendungen zu entwickeln. Schnell zeigte sich jedoch, dass dieses Ziel vor allem mit einem Problem kämpfte: es fehlte an guten Ideen für neue Web-Anwendungen. Zunächst griff man auf die "Standard-Ideen" zurück und baute einige ältere Ideen weiter aus, aber dann wurde die Luft zunehmend dünner gute Ideen wurden rar. Ähnlich war es später bei den MiniApps für den Workplace: den Börsen-Ticker und den Währungs-Umrechner schlugen alle vor, aber wirklich neue Ideen waren Mangelware.
Diese Beispiele zeigen, dass gute Ideen nicht aus dem Nichts entstehen können. Man benötigt ein Klima, eine Umgebung oder eine "Ursuppe", in dem oder in der Ideen "zusammengebraut" werden. Nach der Vorstellung vieler Denkpsychologen entstehen neue Ideen aus der neuartigen Verknüpfung bereits bekannter Inhalte und Ideen. Es muss also bereits eine Basis vorhanden sein, auf der neue Ideen aufbauen können. Im Falle der EWTs und MiniApps ist eine Möglichkeit, an neue Ideen zu gelangen und für andere Anwendungen gilt das genauso den Weg zum Kunden und zu seinem Arbeitsumfeld zu finden und Augen und Ohren offen zu halten. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, wann die Ideen "purzeln". Am grünen Tisch entstehen typischerweise nur Ideen, die jeder schon hatte.
Ein Weg zu neuen Ideen zu kommen ist also, seine Umwelt gut zu beobachten. Ebenso kann man Ideen entwickeln, indem man sich mit bestimmten Problemstellungen systematisch auseinandersetzt. Auch der Zufall kann einen auf die richtige Fährte bringen. Ein guter Ideenlieferant ist auch die Faulheit aber nicht die, statt über einen einfacheren Weg nachzudenken, einfach das alte Verfahren stur weiterzubenutzen. Da man sich in diesem Fall geistig nicht anzustrengen braucht und die sture Tätigkeit dank ausreichenden Trainings sehr schnell ausführen kann, kann auch diese Strategie in vielen Fällen effektiv und ökonomisch sein vor allem, wenn man die Tätigkeit nie wiederholen wird. Aber oft lohnt es sich, vorher etwas länger nachzudenken und Wege zu finden, die einfacher und ökonomischer sind. Dann können auch andere davon profitieren. "Gesunde Faulheit", nicht Denkfaulheit, ist also ein möglicher Ideenlieferant. Zusammengefasst habe ich drei Zugänge zur Kreativität beschrieben: Beobachtung, intensive Beschäftigung und gesunde Faulheit.
Zwei weitere Fähigkeiten scheinen mir ebenfalls wichtig für das Entwickeln neuer Ideen zu sein: Muster erkennen und Verbindungen herstellen. Die Fähigkeit, Muster oder Regelmäßigkeiten zu erkennen, rechnet man dem induktiven Denken zu. Man verallgemeinert seine Beobachtungen und leitet daraus eine Regel ab, z. B. dass jemand einen nicht grüßen will, weil er das an zwei aufeinander folgenden Tagen nicht getan hat. Das Gefährliche an solchen Verallgemeinerungen, die man aus wenigen Beispielen ableitet, ist jedoch, dass ihre Entdecker oft annehmen oder behaupten, dass sie allgemeingültig sind und das ist nicht der Fall. In der Mathematik reicht bekanntlich bereits ein Gegenbeispiel, um eine Hypothese zu entkräften. Zum Hervorbringen von Ideen sind induktive Schlüsse jedoch gut geeignet: sie liefern uns Hypothesen oder "Mini-Theorien", also Ideen, die wir dann ausarbeiten und an der Realität überprüfen können. Im "normalen" Leben kommt es, anders als in der Mathematik, nicht darauf an, dass etwas 100% korrekt ist in dieser "unscharfen" Umgebung fahren wir gut mit Daumenregeln (Heuristiken). Auf ein Produkt bezogen heißt das, es ist nicht wichtig, dass alle Leute dieses Produkt kaufen, es genügt eine ausreichende Menge an Käufern.
Auch das Herstellen von Verbindungen (Assoziationen) ist eher eine "unlogische", also nicht deduktive, sondern induktive Tätigkeit. Letzten Endes steht auch hinter dieser Fähigkeit eine Form der Mustererkennung, wenn auch die Muster unter Umständen aus ganz verschiedenen Bereichen stammen können. Die "Passung" oder Analogie zu erkennen ist hier das, was viele als "kreativ" ansehen. Es setzt eine besondere Fähigkeit zur Abstraktion voraus, denn auf welcher Ebene die Analogie bestehen wird, ist völlig offen. Und noch ein Punkt: es müssen nicht abstrakte Denker sein, die zu diesen Analogien fähig sind oft entstehen Verbindungen intuitiv oder im Unbewussten.
Wie erwirbt man die Fähigkeit, Verbindungen herstellen zu können? Das Verbinden selbst ist ein unbewusster, automatischer Vorgang ich selbst erlebe ihn so, als ob eine "Glocke" bei mir angeschlagen würde. Eine Glocke kann aber nur klingen, wenn auch eine Glocke da ist. Das heißt, Erfahrung, sei es aus der Beobachtung oder der Beschäftigung mit Dingen, schafft die nötigen Voraussetzungen für das Herstellen von Verbindungen. Erfahrung ist mehr als Wissen; es ist "verarbeitetes" Wissen, das mit anderem Wissen bewusst oder unbewusst verknüpft wurde. Dieser Prozeß läuft ständig und führt bei genügend Nährboden und Zeit Muße hilft hier oft auch zu ungewöhnlichen und neuartigen Verbindungen. Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt von nichts kommt nichts, das gilt auch für neue Ideen.
Ich habe einige Ansätze beschrieben, die zu neuen Ideen führen können. Aber nicht jede neue oder innovative Idee mündet in ein erfolgreiches Produkt. Auch bei erfolgreichen Produkten gibt es Unterschiede: Bei manchen kommt der Erfolg sofort, andere brauchen Jahre, bis sie sich durchsetzen und den Massenmarkt erobern. Natürlich beeinflussen auch wirtschaftliche Faktoren den Erfolg eines Produkts. Hier möchte ich jedoch mehr "grundlegende" Prinzipien ansprechen.
Ein grundlegendes Prinzip erfolgreicher Produkte sehe ich darin, dass sie menschliche Grundbedürfnisse befriedigen, also beispielsweise der natürlichen menschlichen Faulheit entgegen kommen und Abläufe einfacher oder bequemer machen. Ich weiß, das versprechen alle Produkte. Aber übergehen wir einfach diese Versprechungen und schauen uns einige "Schlager-Produkte" an:
Beschränken wir uns bei der Frage, welche Bedürfnisse der Computer erfüllt, auf die Geschäftswelt, denn das ist das Feld, auf dem SAP Software verkauft. Hier gibt es bei Computerprogrammen zumindest zwei Gruppen, die bei SAP Bedürfnisse anmelden, die Kunden also die Firmen und die Benutzer der Programme. Spätestens seit Alan Cooper wissen wir, dass Benutzer ihre eigenen Ziele haben und dass diese nicht unbedingt mit denen des Arbeitgebers, der das entsprechende Programm gekauft hat, übereinstimmen müssen. Dennoch gibt es eine "Interessen-Überlappung": wenn der Anwender seine Belege bis zum Feierabend ohne Störungen abgearbeitet haben möchte, ist das auch im Sinne des Arbeitgebers.
Damit sind wir bei einem merkwürdigen Paradox angekommen der Kombination von Innovativem den Produkten mit etwas Archaischem, den Grundbedürfnissen des Menschen, denn die sind so alt wie die Menschheit. In der Software-Branche ist dieses Paradox besonders extrem, schließlich haben wir es mit der modernsten Technik zu tun, welche die Menschheit hervorgebracht hat.
Zum Schluss möchte ich ein Beispiel nennen und auf ein Grundbedürfnis zu sprechen kommen, das mir der Schlüssel für eine Vielzahl erfolgreicher Produkte zu sein scheint manchmal sogar zur Überraschung der Hersteller der Produkte. Ich stelle dieses Grundbedürfnis deshalb heraus, weil ich glaube, dass es auch für Software-Produkte ein steter Quell für neue Ideen sein kann und darum geht es ja letztendlich auch auf der SAP Design Guild.
Um es ein wenig spannend zu machen, möchte ich zunächst einige Szenarien (oder Beobachtungen) vorstellen damit komme ich wieder zum Ausgangspunkt des Artikels zurück bevor ich das Bedürfnis selbst nenne. Was haben diese Menschen gemeinsam?
Alle diese Menschen ähneln dem Engländer in Wilhelm Buschs Bildergeschichten, der mit dem Fernglas durch die Gegend geht nach dem Motto: "Schön ist es auch anderswo, und hier bin ich sowieso." Sie versuchen, ihre Zeit optimal zu nutzen und unproduktive Zeit in produktive zu verwandeln. Und unproduktive Zeiten gibt es viele im Tagesablauf eines Menschen: Schlaf, Reisen, Wartezeiten, Meetings.
Eine mögliche Ideenquelle für innovative Software-Produkte ist also das Bedürfnis des Menschen, Leerlauf zu vermeiden und unproduktive Zeiten zu nutzen. Im "Hardware-Bereich" haben wir gerade einige Produkte kennen gelernt, die diesem Bedürfnis entsprechen: Handys, Walkman, PDAs, Laptops, CD-Spieler, (Auto-)Radios und Fernseher. Im Software-Bereich ist man dagegen auf geeignete Hardware angewiesen die muss schon erfunden sein, bevor man sie mit geeigneten Software-Produkten ausstatten kann. Aber nicht immer ist "state-of-the-art"-Technik nötig, um innovative Softwareanwendungen zu realisieren. So kann auch ein Desktop-Computer das Bedürfnis eines Benutzers nach Ausfüllen unproduktiver Zeit zufriedenstellen, wenn er über Nacht Informationen ermittelt, die dieser am nächsten Morgen benötigt. Wenn der Benutzer aber am nächsten Arbeitstag nicht im Büro sitzt, sondern zu Kunden fährt, dann muss der Desktop-Computer die Informationen anderen Geräten, seien es Laptops, PDAs oder Handys rechtzeitig zur Verfügung stellen.
Ein typischer Adressat von Software, die unproduktive Zeiten ausfüllt, ist der Außendienstler oder Service-Techniker. Da Zeit bekanntlich Geld ist, geht es hier nicht nur darum, die Fahrtstrecke zu optimieren, sondern auch darum, die Fahrt selbst zur Vorbereitung auf die Kundenbesuche zu nutzen. Dies kann per Sprachausgabe und -steuerung oder auch auf einem Bildschirm geschehen (das MIT experimentiert bereits mit der Windschutzscheibe als Bildschirm). Natürlich darf die Verkehrssicherheit nicht gefährdet sein; Bahn- und Busreisen machen es den Systementwicklern einfacher, denn hier "lässt" der Benutzer fahren. Ein Laptop oder PDA mit Internet-Anschluss via Satellit könnte die nötigen Daten beschaffen und so die Vorbereitung auf den Kundenbesuch unterstützen. Solche Lösungen mag es bereits geben, die für das Auto muss noch geschrieben werden.
Es ging mir in diesem Artikel nicht darum, eigene Ideen für innovative Software vorzustellen; vielmehr habe ich versucht, Voraussetzungen und Fähigkeiten aufzuzeigen, die das Entstehen neuer Ideen begünstigen. Hierzu gehören Beobachtung, Beschäftigung mit dem Gegenstand oder auch "gesunde Faulheit" sowie die Fähigkeit, Muster zu erkennen und Verbindungen herzustellen.
Damit aus innovativen Ideen auch erfolgreiche Produkte entstehen, ist es nützlich sich an grundlegenden Prinzipien zu orientieren. Ein solches Prinzip ist die Befriedigung elementarer menschlicher Bedürfnisse. Ein solches elementares menschliches Bedürfnis, das die Entwicklung von Ideen für innovative Software-Produkte leiten kann, habe ich vorgestellt, nämlich das Nutzen unproduktiver Zeiten.
Auf die Bedeutung menschlicher Bedürfnisse hat auch Alan Cooper mit seinem Prinzip der "Zielorientierung" hingewiesen das schönste Produkt nutzt nichts, wenn es an den Zielen und Bedürfnissen der Benutzer vorbei entworfen wurde.