By Gerd Waloszek, Product Design Center, SAP AG – 08/21/2001
Wir leben in kreativen Zeiten. Kreativität ist überall gefragt - am Arbeitsplatz, bei der Zubereitung des Essens und nicht zuletzt beim Interaktions- und Grafikdesign von Anwendungen. Kein Wunder, daß es von Büchern, Kursen und Empfehlungen zur Steigerung der Kreativität wimmelt. Firmen schicken ihre Mitarbeiter auf Kreativitätskurse und bekannte Designer verraten auf Konferenzen und zu anderen Gelegeheiten die Geheimnisse ihrer Kreativität.
Nun ist das Thema an sich nicht neu, die Denkpsychologie beschäftigt sich schon seit etwa 100 Jahren mit der Frage, worauf Kreativität beruht und wie man sie fördern kann. Schaut man einmal neuere Bücher oder Aussagen zur Kreativität und ihrer Förderung kritisch an, stellt man schnell fest, daß da so viel Neues nicht drin steht. Steckt die Kreativitätsforschung etwa in einer Kreativitätskrise - und das in Zeiten mit immer kürzer werdenden Produktionszyklen und immer mehr Bedarf an Kreativität?
In diesem Artikel möchte ich jetzt nicht wiederholen, was die Denkpsychologie herausgefunden hat und was in den vielen Büchern über Kreativität steht. Das kann man alles nachlesen, und man wird oft feststellen, daß man es leider nicht in seine Arbeitspraxis umsetzen kann. Ich möchte vielmehr einige Punkte ansprechen, die mir aufgefallen sind und einige Empfehlungen geben, wie jeder zu seiner "eigenen Kreativität" finden kann.
Eine der bekanntesten Methoden, um kreative Ideen hervorzubringen, ist das Brainstorming, das gemeinsame kritikfreie Entwickeln von Ideen mit anschließender Bewertung. Diese Methode sollte man eigentlich nach den dafür empfohlenen Regeln betreiben. Doch oft finden sich Gruppen zusammen, um spontan und eher unorganisiert Ideen zu sammeln und nennen das auch Brainstorming. Mit dem Zurückhalten von Kritik wird es dabei auch nicht immer so genau genommen. Kernpunkt des Brainstorming ist es, möglichst viele Ideen zu sammeln, die dann anschließend bewertet und ausgewählt werden. Das Motto ist, "je mehr, desto besser".
Ich muß gestehen, daß ich nicht an das Prinzip "Masse" glaube. Sicherlich ist es gut, mehr als eine Alternative zur Auswahl zu haben; zudem ergänzen sich viele Ideen. Aber Quantität sichert nicht Qualität. Wirklich gute Ideen sind sehr selten. Der häufigere Fall ist das Nachahmen von Ideen: Kaum hat ein Auto etwas rundere Formen und kommt gut bei den Käufern an, haben alle Autos rundere Formen, kaum besitzt eine Benutzungsoberfläche 3D-Effekte, haben es alle. Ich wage zu behaupten, daß Brainstorming eine größere Menge durchschnittlicher oder mittelmäßiger Ideen zutage fördert, sicherlich mehr, als wenn einzelne Personen über ein Problem brüten würden. Aber außergewöhnlich Ideen werden selten darunter sein. Als offene Frage bleibt, ob einer Firma mittelmäßige Ideen genügen, um Erfolg zu haben. Für Routineaufgaben wird dies der Fall sein; häufig braucht man Ideen, die sich im Mainstream bewegen, und neue, kreative Ideen würden hier nur stören. Was aber, wenn neue Wege und Konzepte benötigt werden?
In einer Zeit der ständig wechselnden Anforderungen stehen Tempo und Druck besonders hoch im Kurs, denn "time is money" oder "wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Manche Leute behaupten von sich, daß sie sowieso nur unter Druck arbeiten können. Schön für sie, daß sie in dieser hektischen Zeit leben.
Brainstorming-Sitzungen sollen möglichst viele kreative Ideen unter Zeitdruck hervorbringen. Doch ist es wirklich so, daß jeder zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort und in dieser Gruppe seine besten Ideen hat? Sicher gibt es Menschen, die vor Ideen nur so sprudeln. Aber das trifft nicht auf alle Menschen zu. Meine Ideen kommen mir nicht in dem Brainstorming-Meeting selbst, da geht mir alles viel zu schnell, sondern 2 Stunden, 2 Tage oder auch 2 Wochen später. Natürlich weiß ich nicht, ob diese Ideen in die engere Wahl gekommen wären, aber ich glaube einfach nicht an die "Kreativität" auf Kommando.
Ein Argument für den Druck ist, daß man der erste auf dem Markt sein muß oder daß man einen Markt frühzeitig besetzen muß. Dem ist entgegenzuhalten, daß es sicher wichtig ist, einen Markt "rechtzeitig" zu besetzen, aber man muß nicht der erste sein. Es gibt auch im Bereich der Software-Industrie genügend Beispiele dafür, daß die Ersten längst vom Markt verschwunden sind und daß Firmen, die später in das Geschehen eingriffen, den Erfolg davontrugen (und tragen). Vielleicht ist es noch nicht einmal wichtig, selbst die guten Ideen zu haben, man muß nur wissen, wann man "zugreift" bzw. auf den Zug aufspringt.
So, mit dieser letzten Bemerkung habe ich beinahe der Notwendigkeit, eigene Kreativität zu entwickeln, das Wasser abgegraben. Bleiben wir jedoch erst einmal dabei, daß wir die kreativen Ideen selbst haben wollen. Was können wir tun, um zu Ideen bzw. zu guten und neuen Ideen zu kommen?
Ein alter Spruch lautet "von nichts kommt nichts". Sicher ist es manchmal gut, heterogene Gruppen, die zum Teil nicht einmal mit der Materie vertraut sind, Ideen entwickeln zu lassen. Dies kann helfen, Denkgewohnheiten aufzubrechen und unbefangen neue Wege zu versuchen. Leider halten viele solcher Ideen jedoch einer nähern Prüfung nicht Stand, weil wesentliche Randbedingungen außer acht gelassen wurden. Deshalb braucht man meiner Ansicht nach auch das genaue Gegenteil, die intensive Beschäftigung mit einer Aufgabe oder einem Problem, um überhaupt alle Dimensionen der Problemstellung ausloten zu können. Dies erfordert oft stundenlange konzentrierte Beschäftigung mit der Sache, wie sie in einem heutigen Büro kaum noch möglich ist. Gerade bei komplexen Problemen kann es manchmal sehr lange dauern, bis man alle Fäden in der Hand hat - eine kleine Störung und schon muß man die Fäden müsam wieder zusammensammeln. Nach drei Störungen gelingt dies dann gar nicht mehr. Die heutige Büroumgebung ist absolut kontraproduktiv für anspruchvolle geistige Tätigkeiten. Es ist richtig und klug, wenn Firmen ihren Mitarbeitern die Möglichkeit geben, für diese Fälle auf ruhigere Umgebungen - sei es zu Hause, in der Natur oder einem schönen, erholsamen Ambiente - auszuweichen. Die Forderung nach dem belastbaren Mitarbeiter, der auch in einem unruhigen Büro zu Höchstleistungen aufläuft, ist ein Irrglaube - jedenfalls wenn es um das Lösen verwickelter Probleme oder das Entwickeln neuer Ideen geht.
Eine der besten Methoden ist immer noch, Abstand von einem Problem oder einer Aufgabe zu gewinnen, sich Ruhe zu gönnen und die Ideen auf sich zukommen zu lassen. Die Denkpsychologen haben viele Begründungen für die Wirksamkeit dieser Methode angegeben; Arbeitgebern ist sie jedoch eher suspekt, denn sie müssen sich damit abfinden, daß ihr Mitarbeiter für eine gewisse Zeit sich nicht mit der doch so dringenden Aufgabe befaßt - wo die Zeit doch so drängt. Vielleicht macht der Mitarbeiter statt wenigstens irgendwelcher anderer Arbeiten sogar gar nichts und fährt erst einmal Angeln oder geht in die Stadt zum Bummeln. Leider werden Mitarbeiter allzu oft nach der Zeit beurteilt, die sie in ihrem Büro sitzen statt zu nachschauen, was unter dem Strich herauskommt. Der Ausruf, "wieviel mehr würde herauskommen, wenn Sie statt zu bummeln in dieser Zeit etwas anderes erledigen würden", greift leider daneben - die Muße ist essentiell für die Wirksamkeit der Methode.
Das ist schwer zu sagen, denn es gibt viele Zeitpunkte, zu denen mir etwas einfällt. Einfacher ist es dagegen zu sagen, wann mir nichts einfällt, nämlich wenn in meinem Büro viel los ist oder auch in Meetings mit Kollegen. Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht, ich vermute es. Natürlich kann ich meine Kollegen im Zimmer nicht zum Schweigen verdammen, genausowenig, wie sie mich. Aber es ist wichtig, Ausweichmöglichkeiten zu haben und zu wissen, daß die Kollegen dieses Ausweichen auch akzeptieren - und wenn sie diese Möglichkeit benötigen, sie auch in Anspruch nehmen.
Zurück zur Ausgangsfrage! Jeder wird seine eigenen Erfahrungen gemacht haben, wann die Ideen sprudeln - die Menschen sind darin sehr verschieden. Mir kommen Ideen morgens vor dem Aufstehen, auf der Radfahrt zur Arbeit, beim Gang zur und auf der Toilette, beim Spazierengehen - also offensichtlich immer dann, wenn ich nicht am Computer sitze bzw. wenn ich ihn verlassen habe. Hinweis Nummer 1 ist also, immer dann, wenn man sich "festgefahren" hat oder auch einfach wenn man das Bedürfnis hat, vom Computer aufzustehen und den Raum zu wechseln.
Auf der anderen Seite kommen mir auch am Computer Ideen, nämlich dann, wenn ich eine gewisse Konzentration aufgebaut habe, die Fäden aufgespannt sind und die Gedanken fließen. Hinweis Nummer 2 ist also, daß auch dann Ideen kommen, wenn man sich in eine Sache ausreichend vertieft und eine entsprechende Konzentration aufgebaut hat - das kann auch am Computer sein, wie viele Entwickler und Autoren bestätigen werden.
Hinweis Nummer 3 folgt daraus zwangsläufig: Es ist wichtig, auf das richtige Wechselspiel zwischen konzentrierter Arbeit und Abstand von der Arbeit zu achten. Hinweis Nummer 4 lautet, daß man sich für seine Arbeit eine Umgebung suchen sollte, in der es möglich ist, die benötigte Konzentration aufzubauen.
Ich habe bereits das Thema "Ideen auf Kommando" angesprochen und diesen Ansatz infrage gestellt. Hier ist ein weiterer Grund, warum ich so skeptisch gegenüber vielen Kreativitätsmethoden bin: Sie lassen unser Unterbewußtsein außer acht. Nun ist das Unterbewußte etwas, das wir nicht verstehen und auch nicht steuern können. Seit Freud wissen wir auch, das es uns steuern kann, und es erscheint vielen Menschen geheimnisvoll oder sogar gefährlich. Deshalb konzentrieren sich viele Denkmethoden ausschließlich auf das Rationale - alle Probleme sollen mit der vollen Kraft des Bewußten gelöst werden. Aber das Unterbewußtsein ist unser Freund, denn es arbeitet für uns. Während wir schon längst die Arbeit verlassen haben und gemütlich faulenzen, arbeitet es für uns weiter, knüpft Verbindungen, hebt Markantes hervor, läßt Unwichtiges im Vergessen versinken. Und plötzlich - plopp - kommt eine Idee an die Oberfläche, ohne daß es uns viel Mühe gekostet hat. Dann ist es wichtig, wieder das Bewußtsein einzuschalten, um die Idee zu bewerten und wenn sie gut ist weiterzuspinnen.
Man kann sein Gehirn sogar gezielt für sich unbewußt arbeiten lassen. Zum Beispiel fiel mir nicht der Name des rumänischen Präsidenten ein. Daraufhin habe ich meinem Gehirn den Aurftrag gegeben, für mich danach zu suchen. Das ging natürlich nicht ohne etwas Hilfe. Zum Beispiel kannte ich den Namen des bulgarischen Präsidenten; diesen und einige weitere Assoziationen habe ich dem Gehirn mit auf den Weg gegeben. Nach einer halben Stunde war die Antwort da.
Oft genug haben wir Ideen, auf die wir manchmal sehr stolz sind, um dann bald zu bemerken, daß andere diese Idee auch hatten. Dann ärgern wir uns, daß wir diese Idee nicht allein hatten. Aber das ist nicht gerecht den anderen gegenüber. Nein, Ideen entstehen nicht von allein, sie werden in einem bestimmten "Klima" geboren. Dieses Klima ist die Umgebung in der wir mit vielen anderen Menschen zusammen leben, sei es am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft oder in einer bestimmten Gemeinschaft. Da Ideen oft die Kombination oder Abwandlung bestehender Ideen sind, liegt es nahe, daß viele in diesem "Biotop" dieselben Transformationen bestehender Ideen vornehmen und die gleichen Ideen entwickeln. Man sagt ja auch, das die Zeit"reif" für bestimmte Ideen sei oder spricht von einer Konvergenz der Ideen. Sheldrake hat dieser Umstand sogar zu der Hypothese inspiriert, daß es so etwas wie ein geistiges Medium gibt, morphogenetische Felder genannt (eine Art geistiger Weltäther), an dem wir alle teilhaben, das wir "anzapfen" können und über das diese konvergenten Ideen entwickelt werden. Jeder mag für sich selbst entscheiden, ob er einer solchen Hypothese glauben will oder sich mit einer weniger spektakulären Erklärung zufrieden gibt. Jedoch können wir daraus folgern, daß es förderlich für die Kreativität ist, in einer Gemeinschaft, z.B. einem Entwicklungs- oder Designteam, ein Klima zu schaffen, in dem Ideen entwickelt und offen diskutiert werden können. Ob Brainstorming-Sessions geeignet sind, ein solches Klima herzustellen, wage ich jedoch zu bezweifeln.
Da sich neue Ideen auf alte abstützen, ist es für das Entwickeln von Ideen wichtig, daß wir unser Gehirn mit möglichst vielen Assoziationen versorgen, bevor wir es auf die "Reise" schicken. Das gilt für einfache Suchaufgaben wie oben beschrieben genauso wie für das Lösen komplexer Probleme oder das Entwickeln neuer Ansätze. Das ist sicherlich eines der Wirkungsprinzipien des oben beschriebenen geistigen Klimas - die Assoziationen kommen nicht nur von uns selbst, sondern von der gesamten Gemeinschaft.
Bleibt die Frage, wieviel Kreativität man am Arbeitsplatz benötigt, vor allem, wieviele Ideen außerhalb der gängigen Denkschemata benötigt werden. Die Antwort darauf ist nicht einfach. Ich möchte jetzt auch ungern behaupten, daß ein Grafikdesigner kreativer sein muß als ein Entwickler oder User Interface Designer bzw. umgekehrt. Jeder braucht zur richtigen Zeit neue und zur richtigen Zeit "systemimmante" Ideen. Auch der Zwang, ständig neuartige Ideen entwickeln zu müssen, wie etwa in der Werbebranche, kann irgendwann einmal den Status des "Systemimmanenten" annehmen. Entscheidend scheint mir zu sein, daß jeder weiß, welches die richtige Balance für seine Aufgaben ist, die Balance zwischen Bewährtem und Neuem, zwischen Vertiefung und Abstand, zwischen Arbeit und Muße.
Wo habe ich diesen Artikel geschrieben, im Büro oder zu Hause am Bach? Dreimal dürften Sie raten, aber ich glaube, sie werden es bereits im ersten Versuch erraten haben...