By Karsten Erxleben, SAP AG, Usability Engineering Center – 06/29/2001
Dies ist einer von drei Artikeln über die CHI 2001 in Seattle, Washington. Das Motto der CHI war "anyone. anywhere." Mal sehen, welches Motto drei SAP User Interface Designern für sich fanden.

"Befriedigung der Sammelleidenschaft" war das erste Benutzerziel, das ich auf der CHI 2001 erfüllen wollte. In den letzten Jahren hatte ich jeweils mit den "Call for Participation"-Postern zur CHI und anderen Konferenzen die grau-beigen SAP-Schränke farblich etwas aufgeheitert, aber das Poster für 2001 fehlte noch in der Sammlung.
Meine Frage bei der Registrierung am Vorabend der Workshops war dann aber nicht von Erfolg gekrönt, weil noch überhaupt keine Materialien verkauft wurden. Aber die Registrierung weckte schon eine gespannte Vorfreude, denn es waren dort so viele Schalter vorbereitet, dass ich meine Erwartungen über die Größe der Konferenz und der Besuchermassen schon jetzt nach oben schrauben konnte. Diese Erwartungen wurden dann am ersten Tag der Workshops auch bestätigt: Jared Spool unterhielt einen ziemlich großen und ziemlich gefüllten Saal auf seine ziemlich individuelle Weise. Thema waren benutzbare Web-Sites, und es war auch ein bisschen "Jakob-Bashing" (Jakob Nielsen) dabei, was ja ein bisschen in Mode gekommen ist. Am Ende des nächsten und letzten Workshop-Tages wäre ich allerdings zur aktiven Teilnahme an einem "Jared-Bashing" bereit gewesen: Er hatte zusammen mit zwei Mitarbeitern in einem dreistündigen Abend-Workshop haargenau die gleichen Inhalte vom Vortag nochmals aufgekocht und mit den identischen Witzen und Anekdoten gewürzt, so dass das ganze Menü sehr fade war. Richtig dreist wurde dieser Aufguß aber erst dadurch, dass er noch am Vortag angekündigt hatte, dass sich die Inhalte garantiert nicht überschneiden würden. Damit hatte er erst noch die Nachfrage nach dem Abendworkshop "angeheizt". Positiv gewendet war es ein livehaftiges Beispiel von Geschäftstüchtigkeit oder Selbstmarketing auf der Guru-Ebene. Langfristig wird mich dieses "Geschäftsgebaren" davon abhalten, nochmals in Jared-Spool-Vorträge zu gehen.
Abgesehen von dieser Zeitverschwendung waren die Workshops für mich sehr positiv, da ich z. B. bei Ben Shneiderman's "Information Visualization" Themen ausgewählt hatte, mit denen ich mich vorher noch nicht beschäftigt hatte. Das Benutzerziel der "Erweiterung des Horizontes" war hier erreicht. Und es lagen eher zu viele interessante Themen parallel, so dass man immer die Qual der Wahl hatte - ein Phänomen, das sich als Richtschnur durch die nächsten Tage ziehen sollte.
Die gespannte Erwartungshaltung wurde dann nochmals gesteigert, als die Besuchermassen sich am Dienstag morgen zu Bill Gates Eröffnungsrede drängten und sich der riesige Saal des Washington State Convention and Trade Center immer mehr füllte. Wir hatten Glück und saßen in Sichtweite, so dass wir an seinen Lippen hängen und sogar einige Bilder schießen konnten

Abbildung 1 und 2: Bill Gates während der Eröffnungsrede, rechts zusammen mit Bill Hill
Die Inhalte waren gar nicht so wichtig, (er erzählte vom steinigen, aber natürlich vielversprechenden Weg der Usability bei Microsoft und wurde unterstützt von Projektleiter-Demos zum digitalen Buch und PDA´s), wichtiger war zum einen das Feeling, mit zumindest namentlich bekannten, gestandenen "Granden" der Usability-Zunft in einem Saal zu sitzen. Zum anderen war die Vorfreude noch wichtiger, dass es jetzt endlich richtig los gehen sollte! Die Conference Co-Chairs betonten dazu außerdem noch, dass ja jetzt jeder der mehr als 3.000 Besucher (Rekord!) "Teil einer großen Familie sei - nämlich der SIGCHI".
Nachdem dem "Community-Building" soweit Rechnung getragen war, konnte es mit den Panels, Papers, Short Talks, SIG etc. dann auch wirklich anfangen: Zumindest für den laufenden Tag trug jede Zeitscheibe in dem praktisch spiralgehefteten "Conference Program" jeweils eine Markierung, die das Thema als meinen Favoriten aus der Auswahl von bis zu neun parallelen Themengebieten kennzeichnete.

Abbildung 3: Der Spiralbinder mit dem Konferenzprogramm
Bei meiner Planung hatte ich mich von den Vorlieben und Erfahrungen von Gerd Waloszek leiten lassen, der für sich die Panels bevorzugte. Im Rückblick haben diese Panels auf mich den größten Eindruck gemacht und das Meiste vermittelt. Es war immer eine gelungene Mischung aus Praktikern und eher forschungsorientierten Teilnehmern, und wenn eine Kontroverse sich nur schleppend einfinden wollte, weil die Leute auf dem Podium nur in Nuancen voneinander abwichen, kam frischer Wind durch die Kommentare und Fragen der Zuhörer hinein. Besonders gelungen fand ich das bei den Themen "Ethics in HCI" und "Methods and Modeling".

Abbildung 4: Brenda Laurel war eine Teilnehmerinnen beim Panel "Ethics in HCI"
Ein anderer Schwerpunkt und - manchmal chaotischer - Höhepunkt waren für mich die Special Interest Groups, weil auch hier ein intensiver Austausch zwischen den Organisatoren und Teilnehmern stattfand. Es war einfach ein Spiegelbild der "Alltagsnöte", -sorgen und Chancen, aber es gab auch guten Erfahrungsaustausch über Unternehmensgrenzen und Themengrenzen hinweg.
Enttäuscht war ich von den Paper-Sessions: Die zusammenfassenden Titel im Conference Program für jeweils drei halbstündige Referate waren immer sehr vielversprechend ("Structuring Software", "Communities and Collaboration", "Designing with and for Others" etc.) aber die einzelnen Referatsthemen konnten diese Erwartungen dann nicht einlösen, weil sie meist sehr speziell von Forschungsergebnissen berichteten, von denen mich dann maximal immer nur ein Thema überhaupt interessierte. Da schien mir die eineinhalbstündige Zeitscheibe doch meist besser in ein Panel investiert zu sein... Aber immerhin eine Paper Session habe ich am letzten Tag, dem Donnerstag, dann doch in ganzer epischer Breite miterlebt, und es war dann auch ganz interessant, weil es um "Information Scent" ging und Stuart Card und Jared Spool als Diskussionsteilnehmer dann noch Späßchen machten.
Insgesamt war aber die Erfahrung mit "Papers" für meine Person, dass ich mir die Zeit der Vorträge sparen und die Inhalte getrost im Konferenzband nachlesen kann. So fand ich die Posterausstellungen insgesamt gewinnbringender, weil man ohne Terminzwang daran entlang schlendern und interessante Poster genauer in Augenschein nehmen konnte.
Es schwang doch schon ein bisschen Wehmut mit, als es an den großen Abschied mit Ehrungen, Preisverleihungen und Abschlussvortrag ("Accessibility") ging. Gleichzeitig wurde aber auch schon Lust auf mehr geweckt, denn CHI 2002 in Minneapolis stellte sich mit einem amüsanten Werbefilm vor, in dem der Governeur von Minnesota, ein ehemaliger Profi-Catcher, eine schlagkräftige Rolle spielte und zuletzt die "Familie" herzlich einlud. Ich jedenfalls habe in Seattle die Familie lieb gewonnen und hätte nichts gegen diese Art von Familientreffen!

Abbildung 5 und 6: Abschlußveranstaltung - die Preisverleihung (links) und der Gouverneur von Minnesota, der das Publikum zur CHI 2002 in Minneapolis einlädt (rechts)
Übrigens, die Suche nach einem Konferenzposter war bis zuletzt trotz meiner Nachfragen beim "Merchandising" (T-Shirts, Tassen und andere Devotionalien) und bei der Konferenzverwaltung erfolglos. Wer also noch ein Konferenzposter CHI 2001 zu entsorgen hat, findet in mir einen freudigen Abnehmer...
Fotos von Carsten Erxleben und Gerd Waloszek.