Von Karen Holtzblatt, Incontext Enterprises – 19. November 2004
English Version • Dieser Artikel wurde auch in SAP INFO 122 veröffentlicht
Von jeher spiegelt die Gestaltung von Benutzeroberflächen eher die Vorstellungen der Softwareentwickler als die der Benutzer wider. Doch was heute zählt, sind intuitive Bedienbarkeit und Benutzerfreundlichkeit; daher arbeiten Softwaredesigner ab dem frühestmöglichen Zeitpunkt mit Benutzern zusammen, um sicherzugehen, dass die Oberfläche den tatsächlichen Anforderungen entspricht. "Kontextuelles Design" ist ein Modell, das zeigt, wie dieses System in der Praxis funktioniert.
Gute Anwendungen zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Designer technisches Fachwissen mit einer genauen Kenntnis der Kundenanforderungen verbinden. Damit Hersteller von Softwareanwendungen die Erwartungen ihrer Kunden durchgängig erfüllen können, benötigt das Designteam ausreichend Benutzerdaten aus der Praxis. Denn wenn das Team an der Sammlung und Auswertung von Daten beteiligt ist, erkennt es, wo die Probleme der Benutzer liegen und wie die Software ihre tagtägliche Arbeit wirklich erleichtern kann.
Kontextuelles Design (Contextual Design, CD) ist ein benutzerorientierter Designprozess, der dem Team hilft, die Anforderungen des Kunden zu erkennen und das System entsprechend zu gestalten. Kontextuelles Design wird von SAP, Universitäten, Unternehmen und Herstellern auf der ganzen Welt für die Gestaltung ihrer Softwaresysteme eingesetzt. In jeden einzelnen Schritt des kontextuellen Designs fließen Kundendaten ein; gleichzeitig gibt der Prozess eine Anleitung zum Umgang mit diesen Daten und zur Arbeit im Designteam. Im Folgenden ein kurzer Überblick über die einzelnen Schritte:
Beim Softwaredesign gilt es zunächst, die Benutzer zu verstehen: wichtige Themen, Aufgaben, Gemeinschaftsprojekte, Informationsanforderungen und Werte. Doch für die meisten Menschen ist ihre tägliche Arbeit eine solche Selbstverständlichkeit, dass es ihnen schwer fällt, genau zu artikulieren, was sie tun und warum. Bei der Benutzerbefragung werden Einzelgespräche mit Mitarbeitern geführt. Die Mitglieder des Designteams beobachten und befragen die Benutzer an ihrem Arbeitsplatz, um mehr über ihre Aufgaben und Anliegen zu erfahren. So lernt das Team die tatsächlichen Arbeitsgewohnheiten der Menschen kennen, denen das System dienen soll, und muss sich nicht nur auf eigene Beobachtungen oder offizielle Vorgaben verlassen.
In der Interpretationsphase trägt das Team die einzelnen Befragungsergebnisse zusammen und macht sich ein Gesamtbild über die Situation. Jedes Mitarbeitergespräch wird in wesentlichen Punkten wiedergegeben, und das Team erfasst die wichtigsten Themen und erstellt Arbeitsmodelle. Arbeitsmodelle sind Diagramme, die verschiedene Aspekte der Arbeit darstellen. Sie helfen dem Team, die Komplexität bestimmter Verfahren zu erkennen und aufzuzeichnen.
Jedes Teammitglied betrachtet die Daten unter eigenen Gesichtspunkten, und letztlich entwickelt die Gruppe auf diesem Weg ein gemeinsames Verständnis der Anforderungen. Das kontextuelle Design erfordert ein funktionsübergreifendes Team; denn jeder, der zum Endprodukt beiträgt, sollte auch selbst die Anforderungen der Benutzer kennen lernen. Das vereinfacht die Kommunikation und räumt Missverständnisse bezüglich der Benutzeranforderungen aus – umso schneller kann das Team konkrete Ergebnisse erzielen.
Wenn man Software für die gesamte Benutzerschaft gestaltet, kommt es darauf an, Gemeinsamkeiten und Überschneidungen herauszuarbeiten. In der Konsolidierungsphase trägt das Team Daten aus den einzelnen Standortbefragungen zusammen, so dass es übergreifende Muster und Strukturen erkennt, jedoch nicht ohne individuelle Abweichungen zu berücksichtigen.
Dazu werden alle benutzerrelevanten Themen und Informationen in einem wandgroßen, hierarchischen Diagramm dargestellt. Das so genannte Affinitätsdiagramm vermittelt einen Überblick über den gesamten Umfang des Problems. Darüber hinaus werden die einzelnen Arbeitsmodelle in konsolidierten Arbeitsmodellen zusammengeführt, um dadurch übergreifende Strategien und Ziele aufzudecken und gleichzeitig individuelle Unterschiede zu bewahren und zu organisatorisch zu berücksichtigen. Durch die Konsolidierung der Daten erkennt das Team Benutzer- und Systemanforderungen und deckt Möglichkeiten auf, die Arbeitsweise der Benutzer zu optimieren. Außerdem werden auf diese Weise wiederverwendbare Unternehmensdaten produziert.
Die eigentliche Schwierigkeit des Teams besteht darin, ein System zu entwickeln, das die Arbeitsweisen verbessert und gleichzeitig von den Benutzern und Unternehmen gut angenommen wird. Das Team prüft die konsolidierten Daten und sammelt Kernthemen und Ideen für das Design. So kann es eine breit angelegte Strategie entwickeln, anstatt kleine Verbesserungen an bestehenden Systemen vorzunehmen.
Danach folgt die Visionierung: Das Team stellt sich vor, wie das System die Arbeit der Benutzer verändern und optimieren wird. Auf dem Flip-Chart werden unter anderem manuelle Tätigkeiten, umgestaltete Geschäftsprozesse und Systemideen skizziert, die eine erfolgreiche Realisierung gewährleisten. Die Visionierung hilft den Teammitgliedern, den richtigen Schwerpunkt zu setzen: Es geht nicht darum, sich mit einzelnen Funktionen zu befassen, sondern ein System zu gestalten, das den Benutzern ihre tägliche Arbeit erleichtert.
Mit der Vision als Leitfaden erarbeitet das Team nun die Einzelheiten im Rahmen eines "Ablaufplans". Ein Ablaufplan ist eine Reihe von "Standbildern", die einzelne Szenarien zum neuen System darstellen, darunter manuelle Verfahren, Konzepte für die Benutzeroberfläche, Geschäftsregeln und Automatisierungsmöglichkeiten.
Das neue System muss die richtigen Funktionen und Strukturen haben, um einen natürlichen Arbeitsfluss zu unterstützen. Genau so, wie Architekten einen Grundriss entwerfen, um sich die Struktur eines Hauses vorzustellen, müssen Designer den "Grundriss" ihres neuen Systems sehen. Dieser liegt hinter der Benutzeroberfläche verborgen, wird durch ein Objektmodell beschrieben und spiegelt die Geschäftsabläufe des Kunden wider. In anderen Design-Prozessen wird ein solcher Grundriss normalerweise nicht explizit dargestellt.
Das User Environment Design (UED) bildet den Grundriss des neuen Systems ab. Es zeigt, wie jede einzelne Komponente des Systems den Benutzer unterstützt, welche Funktion in dieser Komponente zur Verfügung steht und wie der Benutzer von einer Systemkomponente zur anderen gelangt – ohne dass diese Struktur zunächst an eine bestimmte Benutzeroberfläche geknüpft wird. Durch ein ausführliches UED kann das Team gewährleisten, dass die Struktur den Bedürfnissen der Benutzer entspricht, es kann die sukzessive Einführung neuer Funktionen planen und die Projektarbeit mehrerer Entwicklungsteams organisieren.
Je eher ein Problem erkannt wird, desto weniger kostet es, es zu beheben – das ist allgemein bekannt. Daher ist es wichtig, ein Design im Frühstadium immer wieder zu testen. Zu diesem Zweck erstellt das Team einen groben Prototyp des Systems auf Papier. Haftnotizen dienen dazu, Fenster, Dialogfenster, Schaltflächen und Menüs darzustellen. Das Designteam testet die Prototypen direkt an Benutzern an ihrem Arbeitsplatz und spielt echte Arbeitssituationen in dem geplanten System durch. Wenn die Benutzer Probleme erkennen, arbeiten sie gemeinsam mit dem Designteam an einer entsprechenden Veränderung des Prototyps.
Anhand der Prototypen können erst einmal die UED-Strukturen und Konzepte für die Benutzeroberfläche getestet werden, bevor Programmcode geschrieben wird. Die Abstimmung mit den Benutzern gibt dem Team die Möglichkeit, Unstimmigkeiten zu beseitigen und die nächsthöheren Anforderungen festzulegen. Das Team führt mehrere Testrunden für das Design durch und nimmt zwischendurch immer wieder Änderungen vor, um das System zu verbessern und Einzelheiten auszuarbeiten. Durch die Tests mit dem Prototyp können sowohl die Interaktion mit dem System als auch die visuelle Gestaltung weiter geprüft werden.
Dies sind die einzelnen Schritte des kontextuellen Designs. Ob jeder Schritt des CD eingehalten oder eine schnellere Methode verwendet wird; mithilfe dieser Techniken werden Unternehmen die Anforderungen ihrer Kunden besser erfüllen. Beratungsunternehmen wie InContext bieten Schulungen und die direkte Betreuung am Arbeitsplatz (Side-by-Side Coaching) an, um kontextuelle Techniken zu vermitteln. Darüber hinaus können die Berater – gegegebenfalls unter Beteiligung bestimmter Mitarbeiter – gewünschte Daten zusammenstellen. Diese Daten sowie das technische und fachliche Wissen des Auftraggebers fließen in die Entwicklung und Prüfung des Anwendungsdesigns ein. Ob es darum geht, den Entwicklungsprozess zu beschleunigen oder zu gewährleisten, dass das Softwareprodukt wirklich den Wünschen des Endkunden entspricht: Ein benutzerorientierter Designprozess zahlt sich in jedem Fall aus.
Karen Holtzblatt, Chief Executive Officer (CEO) von InContext, hatte die Idee zum kontextuellen Design. Aufgrund ihrer technischen und psychologischen Fachkenntnisse schafft sie den kreativen Rahmen für die Entwicklung innovativer Designs und Designprozesse. Holtzblatt war Mitbegründerin der Firma InContext im Jahr 1992. InContext erstellt kundenorientierte Designs und bietet Coaching für Produktteams in der ganzen Branche an. Karen nimmt eine anerkannte Führungsrolle im Softwaredesign ein, und ihr Buch Contextual Design: Defining Customer Centered Systems wird in Unternehmen und Universitäten auf der ganzen Welt gelesen. Das Produkt CDTools von InContext, das 2004 auf den Markt kam, ist das erste Paket an Softwaretools, das Teams beim kundenorientierten Design unterstützt. Karens umfassende Team- und Praxiserfahrung bildet die Grundlage für die Innovation und Qualität, die von InContext zuverlässig geliefert wird. Holtzblatt hat über zwanzig Jahre Lehrerfahrung im beruflichen und universitären Umfeld. Sie hat in angewandter Psychologie an der Universität von Toronto promoviert.